Die politische Manipulation der Sprache

  last edited: Wed, 06 Jul 2016 12:47:17 +0200  
von Frank Berghaus (2011)

Sprache und Gesellschaft

Die Fähigkeit des Sprechens ist eine Errungenschaft der menschlichen Evolution und somit ein Teil unserer biologischen Ausstattung. Demgegenüber sind alle konkreten Sprachen kulturelle Gebilde, denn sie enthalten willkürliche Elemente (wie Wörter oder Grammatikregeln), die auf sozialem Weg von einer Generation zur nächsten tradiert werden. Das bewirkt ganz von selbst eine Wechselwirkung zwischen sprachlicher und gesellschaftlich-kultureller Realität insbesondere im Bereich des Wortschatzes. Für die Sprechergemeinschaft wichtige Begriffe werden oft gedacht und ihre Bezeichnungen oft gesprochen, was zur Folge hat, daß dafür eher kurze, leicht sprechbare Wörter in Gebrauch kommen, und überdies so viele wie nötig sind um alle relevanten Nuancierungen ausreichend abzudecken, was natürlich auch auf die Wahrnehmung der Realität nicht ohne Einfluß bleibt. Umständlichere oder semantisch weniger genaue Ausdrücke können sich nur dann auf die Dauer halten, wenn sie weniger bedeutende Inhalte zum Ausdruck bringen. Umgekehrt wirkt eine an die Strukturen einer Gesellschaft angepaßte und von ihren Mitgliedern beherrschte Sprache als psychologischer Rückkoppelungsfaktor, denn die soziale Wirklichkeit und die hinter gesellschaftlichem Handeln stehenden Werte einerseits und die Sprache andererseits werden beide dadurch gestärkt, daß sie einander wechselseitig nahelegen. Zusammen beeinflussen sie unweigerlich auch das menschliche Denken, dessen Inhalte stets durch die Nähe zu eigenen Erfahrungen und die Mühelosigkeit ihrer sprachlichen Formulierung begünstigt werden.

Der eigengesetzliche historische Sprachwandel

Wie die diachrone Linguistik zeigt, haben Sprachen die Tendenz, sich fortwährend zu verändern. Dieser Prozeß erfolgt jedoch so langsam, daß er, solange keine schriftliche Fixierung einen Vergleich ermöglicht, zumeist völlig unbemerkt bleibt. Selbst Lautverschiebungen als beschleunigte Phasen erstrecken sich über mehrere Generationen. Die Gründe für diesen allgemeinen Sprachwandel sind noch größtenteils unerforscht.

Demgegenüber haben manche Veränderungen konkrete, historisch faßbare Ursachen. Zumeist sind es enge Kontakte mit einem Volk fremder Sprache, das dem eigenen politisch, kulturell oder wirtschaftlich überlegen ist. Insbesondere führt das Kennenlernen neuer Dinge und Begriffe, die aus einem anderen Sprachraum stammen, häufig zur oft bleibenden Übernahme ihrer fremden Bezeichnungen. Andere mögliche Quellen sprachlicher Innovationen sind Veränderungen innerhalb eines sozialen Gebildes, die auch ohne äußere Einflüsse neue Ausdrücke für bisher nicht Vorhandenes erforderlich oder bestehende obsolet machen können, sowie individuelle Wortschöpfungen, die von der Sprechergemeinschaft als Bereicherung empfunden und übernommen werden.

Doch auch der historisch bedingte Sprachwandel ist zumeist zu langsam, als daß er sich unmittelbar wahrnehmen ließe. Das ersieht man leicht daraus, daß viele schon lange zurückliegende Veränderungen ihre Auswirkungen bis heute nicht abgeschlossen, ja oft noch gar nicht begonnen haben. Der Ausdruck Kronprinz ist fast ein Jahrhundert nach dem Untergang der Monarchie noch jedem geläufig, und auch ein halbes Jahrtausend nach der Ablösung des geozentrischen durch das heliozentrische Weltbild sagen wir noch immer, daß die Sonne aufgeht. Wir zählen heute noch elf und zwölf nach dem schon lange nicht mehr gebräuchlichen Hexagesimalsystem, während man das Dutzend bereits immer seltener hört und nur die Mengenangabe Schock mittlerweile völlig verschwunden ist.

Die politische Dimension der Sprache

Sprachen sind in zweifacher Hinsicht politisch relevant. Einerseits ist die bloße Existenz einer Sprache (oder auch eines Dialekts) identitätsbildend. Das war insbesondere in der jüngeren europäischen Geschichte von großer Bedeutung, als die ethnischen Komponenten der Völkerwanderung biologisch bereits weitgehend assimiliert waren, die Politik aber dennoch stark von nationalen Prinzipien und Mächten bestimmt wurde.

Andererseits traten nach dem Rückgang des nationalen Denkens gegen Ende des 20. Jahrhunderts in den Industriestaaten linguistische Elemente politisch in den Vordergrund, bezüglich derer sich die einzelnen Sprachen Europas wenig unterscheiden. Dabei handelt es sich um ihnen innewohnende jahrhundertealte Werthaltungen, denen eine verzögernde Wirkung gegenüber heutigen gesellschaftlichen Veränderungen zugesprochen wird. Wohl zurecht, denn gerade der Sprache als ältestem und zugleich konservativstem Elemente der Zivilisation kommt in besonderer Weise die Aufgabe des Bewahrens und Tradierens von Denk- und Empfindungsweisen zu, die durch die alleinige Wirkung anderer Einflüsse zu stark dem Strudel kurzlebiger Strömungen ausgesetzt wären – sehr zum Schaden für die Kontinuität der menschlichen Kultur. Doch gerade diese Funktion kann leicht zum Ärgernis für politische Bewegungen werden, die einen stark beschleunigten oder gar revolutionären Umbruch erreichen wollen.

Die Sprache als ideologisches Relikt

Als Antwort der menschlichen Evolution auf die Herausforderungen der pleistozänen Umwelt unserer Vorfahren entstanden soziale Strukturen und gesellschaftlich relevante Emotionen, die als genetische Programme bis heute weitervererbt werden und Einfluß auf unser aller Verhalten ausüben. Zwar ist dieser Einfluß kein zwingender, denn der Mensch hat auch die Möglichkeit, seiner angeborenen Natur zuwiderzuhandeln, aber jedes Überschreiten der naturgegebenen Grenzen muß je nach Dauer und Intensität mit mehr oder weniger schweren psychischen oder gesundheitlichen Nachteilen für das Individuum oder seine Nachkommen erkauft werden.

In einem Ausmaß, für das es keine historischen Parallelen gibt, ist das heutige politische Denken in den westlichen Industriestaaten von einem linken Antinaturalismus geprägt. Dieser leugnet die Gültigkeit biologischer Gesetzmäßigkeiten für unsere Spezies und behauptet statt dessen, sämtliche Aspekte des menschlichen Zusammenlebens, die dem linken Gleichheitsideal widersprechen, ließen sich mit wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ungerechtigkeiten erklären, wie sie die unterdrückten Teile der Bevölkerung im Laufe der Geschichte seitens ihrer Ausbeuter erdulden mußten. Daraus ergibt sich für die Gegenwart die Forderung, benachteiligte Gruppen zu stärken und zum Kampf gegen ihre Beherrscher zu ermutigen. Parallel dazu soll starker moralischer Druck auf die dominanten gesellschaftlichen Gruppen (wie beispielsweise Männer oder Weiße) diese zur sozialen Selbstschädigung veranlassen. Beständige Fortschritte in der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft und vor allem die überwältigenden Erfolge bei der einschlägigen Ideologisierung des öffentlichen Bewußtseins führten gegen Ende des 20. Jahrhunderts zu einer weitgehenden Monopolstellung linker Denkmuster und Emotionen in den Industriestaaten. Verbleibende Rest-Widerstände gegen manipulative Eingriffe in gesellschaftliche Strukturen und das hartnäckige Weiterbestehen "unzeitgemäßer" rechter Positionen wurden nicht mehr als legitime politische Konkurrenz sondern nur noch als Ärgernisse betrachtet, die der schon zum Greifen nahe geglaubten völligen Beherrschung aller Lebensbereiche der Bürger im Wege standen und in einer letzten gemeinsamen Anstrengung aller fortschrittlichen Kräfte ausgemerzt werden müssen.

Als eine der Ursachen für diese unerwünschte Resistenz gegen linke Ideale wurde schließlich die Sprache erkannt, die versteckt uraltes reaktionäres Gedankengut enthält. Dazu zählen vor allem folgende Inhalte:
  • natürliche oder traditionelle Geschlechterrollen („Sexismus”)
  • biologische oder kulturelle Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen („Rassismus”)
  • angeborene Ungleichheit der Menschen („Elitismus”)

Durch diese Botschaften erfüllte die bloße Benützung der Alltagssprache nunmehr den Tatbestand einer konterrevolutionären Propaganda. Die linke Antwort darauf war eine massive politische Manipulation der für unterschwellige Informationen relevanten lexikalischen und grammatischen Sprachelemente sowie eine ideologisch-moralischen Monopolisierung aller explizit formulierbaren Aussagen. Die Gesamtheit der solcherart motivierten Veränderungen wird in unverhüllter Deutlichkeit mit dem englischen Ausdruck political correctness bezeichnet und zumeist als pc abgekürzt.

Terminologische Aspekte der political correctness

Je nachdem ob ein Begriff im Rahmen der linken Weltanschauung eine positive oder negative Wertung erhält, werden die in der Sprache vorgesehenen Bezeichnungen, soweit sie dieser Werthaltung widersprechen oder sie in zu geringem Maße zum Ausdruck bringen, durch Euphemismen oder Kakophonismen ersetzt. Nun sind Wörter, die Menschen oder Dinge beschönigen oder schlecht machen sollen, auch bisher schon in großer Zahl vorhanden gewesen, so daß die political correctness oft auf bestehende Ausdrücke zurückgreifen konnte. Die entscheidende Neuerung jedoch ist der Versuch, die älteren Bezeichnungen auszumerzen. Daraus spricht eine beträchtliche linguistische Naivität, denn sobald ein gewöhnliches, emotionsarmes Wort zugunsten eines anderen außer Gebrauch kommt, das starke positive oder negative Konnotationen aufweist, rückt das neue an die Stelle des alten und verliert seine überschüssige emotionale Komponente. Wenn jede erwachsene weibliche Person mit dem Familiennamen Huber, die früher als Huberin bezeichnet worden wäre, nach dem Untergang dieser Anredeform jetzt Frau Huber heißt, so ist die ursprünglich auszeichnende Bedeutung des Wortes Frau damit erloschen. Nicht anders wird es dem Gefühlsinhalt des Ausdrucks Roma und Sinti ergehen, sollte es dieser Bezeichnung gelingen, das Wort Zigeuner zu ersetzen.

Dieses Beispiel zeigt übrigens eine sehr charakteristische Eigenart des linken Umgangs mit der Sprache: auf Sprechökonomie wird ebenso wenig Wert gelegt, wie auf grammatische Konsistenz und sachliche Richtigkeit. Roma und Sinti ist nicht nur ein längerer und komplizierterer Name für die Zigeuner, sondern er hat überdies auch noch den Nachteil, sich nicht auf einen einzelnen Angehörigen dieser Volksgruppe anwenden zu lassen. Außerdem zerfallen die Zigeuner nicht nur in diese beiden Teilvölker, weshalb der neue Ausdruck inhaltlich etwa so sinnvoll ist, als würde man die Europäer alle als Engländer und Franzosen bezeichnen.

Auch die Umbenennung der Neger in Schwarze ist linguistisch abwegig, denn dabei handelt es sich um eine bloße Übersetzung. Diese ist überdies mit dem Nachteil behaftet, im Deutschen vielerlei zu bedeuten, während das Wort Neger stets eindeutig mit der negriden Rasse verknüpft ist. Verteidigt wird die Umbenennung mit der Behauptung, die Neger selbst würden diese Bezeichnung ablehnen. Dem ist jedoch entgegen zu halten, daß die Festlegung von Wörtern einer Sprache ausschließlich der Gemeinschaft ihrer Sprecher obliegt. Auch die Europäer haben kein Recht, das sie bezeichnende Wort in irgendeiner Bantu-Sprache zu bestimmen.

Beim oben erwähnten Wort Rasse zeigt sich ein weiteres Phänomen linker Sprachgestaltung, das der manipulativen Begriffsverarmung. Es soll nicht einem Synonym Platz machen, sondern ersatzlos aus der Sprache getilgt werden. Gemäß der heute dominierenden Ideologie gibt es nämlich in Wirklichkeit gar keine Rassen (was die Anhänger dieser Lehre aber keineswegs davon abhält, jede nicht-linke Einstellung im Zusammenhang mit ethnischen Fragen Rassismus zu nennen). Auch andere bedeutende Dinge, deren Thematisierung der linke Zeitgeist ablehnt, sollen ihrer Bezeichnung beraubt werden, was ein terminologisches Aushungern des politischen Gegners bezweckt. Ein Beispiel ist das heute verpönte Wort Überfremdung, das fälschlich den Nationalsozialisten zugeschrieben wird. Doch in Wirklichkeit geht es gar nicht um das Wort, sondern um die Zerstörung des dahinter stehenden Begriffs, der einfach nicht mehr gedacht werden soll.

Auch die Etymologie wird bedenkenlos beiseite geschoben. Daß sich das deutsche Pronomen man von dem Substantiv Mann ableitet, ist bloß eine unbewiesene Hypothese. Dennoch muß es in weiblichen Zusammenhängen durch frau ersetzt werden, denn es könnte ja vielleicht doch männlich kontaminiert sein. Noch ärger ist der amerikanische Fall eines weißen öffentlichen Bediensteten, der im Zusammenhang mit der Ausgabenpolitik seines schwarzen Bürgermeisters das Adverb niggardly (knausrig) verwendete, und der deswegen entlassen wurde, obwohl zwischen diesem Wort und dem verpönten nigger nachweislich keinerlei Zusammenhang besteht. Die offizielle Begründung dafür war, daß die klangliche Ähnlichkeit für eine Bestrafung bereits ausreicht, weil ja andernfalls weniger gebildete Menschen den Eindruck gewinnen könnten, es würden rassistische Beschimpfungen geduldet.

Der Einfluß der political correctness auf Grammatik und Stil

Zu den gesellschaftsbezogenen Elementen, bei denen viele natürliche Sprachen ältere Strukturen bis heute konserviert haben, gehören auch die traditionellen Geschlechterrollen und damit die in früheren Jahrhunderten geringere Wahrnehmbarkeit der Frauen im öffentlichen Leben. Das führte nach dem Prinzip der Sprechökonomie dazu, daß in vielen Bereichen maskuline Wortformen zur sprachlichen Norm wurden, während für die nur ausnahmsweise gemeinten Frauen umständlichere weibliche Ableitungen zur Anwendung kamen (wie etwa bei Reiter und Reiterin). Dieser unsymmetrische sprachliche Dimorphismus weitete sich schließlich auf fast den gesamten Wortschatz aus, auch auf Gebiete, in denen (wie bei Hund und Hündin) die weibliche Variante nicht seltener anzutreffen war als die männliche. Da nun das Geschlecht in vielen Fällen gänzlich unerheblich ist, bildete sich das sogenannte generische Maskulinum heraus. Das bedeutet, daß fallweise das maskuline Genus die Funktion der neutralen Benennung mit übernimmt. Niemand käme demnach auf die Idee, bei der Angabe der Einwohner einer Stadt wären die Einwohnerinnen nicht mit inbegriffen.

Genau das aber ist das Problem des Feminismus. Das generische Maskulinum wird zwar linguistisch erkannt, aber politisch abgelehnt, weil es die von den Linken geforderte völlige Gleichheit der Geschlechter nicht zum Ausdruck bringt. Zwar würde die Sprache, falls der feministische Umbruch der Gesellschaft langfristig Bestand haben sollte, sicher einmal adäquate Ausdrucksformen finden, aber dafür ist die revolutionäre Ungeduld zu groß. Die Sprache soll sich sofort, ja mehr noch, sie soll sich vorauseilend anpassen um die geplanten Veränderungen noch zusätzlich beschleunigen zu können. Natürliche Sprachen verhalten sich jedoch niemals so – also werden sie manipuliert.

Bei dieser politisch motivierten Umgestaltung der Sprache zeigte sich die feministische Linguistik sprechökonomisch völlig inkompetent. So bedarf es einer beachtlichen Naivität zu glauben, Ausdrücke wie Einwohnerinnen- und Einwohnerverzeichnis könnten sich auch dann noch halten, wenn die anfängliche fanatische Begeisterung über die sprachpolitische Sichtbarmachung der Frauen erst einmal verflogen ist. Die Reihenfolge im angeführten Beispiel ist übrigens nicht beliebig, vielmehr gilt ausdrücklich die invers-sexistische Regel, wonach immer die Frauen als erste zu nennen sind, es sei denn, es wird etwas Schlechtes ausgesagt (wie bei unfähige Köche und Köchinnen) oder das Geschlecht des Letztgenannten dominiert den Rest des Satzes (wie bei ein Mann oder eine Frau, die ihre Meinung sagt).

Die unbedingte Forderung nach sprachlicher Plakatierung der Frauen verletzt nicht nur das Ökonomieprinzip, indem es keine Rücksicht darauf nimmt, ob das Geschlecht im jeweiligen Kontext überhaupt relevant ist, sondern mitunter auch direkt die Regeln der Grammatik. Beispiele dafür sind Formulierungen wie jemand Verdächtiges oder im Englischen someone made up their mind. In diese Kategorie fällt auch das (selbst in feministischen Kreisen umstrittene) generische Femininum, das zu Ausdrücken wie der Herr Bürgermeisterin führt.

Orthographie und Politik

Sprachen sind nicht nur formale Systeme, in denen Begriffe und Begriffsverknüpfungen, mit denen unser Bewußtsein semantische Inhalte abbildet, durch Wörter und deren syntaktische Beziehungen symbolisiert werden, sondern sie haben auch eine physische Ebene, in der sich konkrete sprachliche Äußerungen akustisch oder graphisch manifestieren. Ist auch die gesprochene Form der Sprache viel älter als die geschriebene, so sind doch beide als gleichwertige Methoden zur Übermittlung sprachlicher Information logisch unabhängig. Im Gegensatz etwa zur chinesischen Schrift verzichten jedoch phonologische Alphabete wie das weltweit vorherrschende lateinische auf die Nutzung dieser prinzipiellen Unabhängigkeit zugunsten einer mehr oder weniger getreulichen Wiedergabe der gesprochenen Laute. Das schränkt die Möglichkeiten der Tradierung schriftspezifischer Inhalte, die zu jenen der gesprochenen Sprache hinzutreten, drastisch ein. Daß eine solche Schrift dennoch eigene politische Brisanz erhalten kann, liegt in ihrer konventionellen Fixierung begründet.

Das dominierende Kennzeichen jeder Orthographie ist die Möglichkeit, Rechtschreibfehler zu begehen, denn orthographische Vorschriften sind letztlich nichts weiter als präskriptive Regeln und Fallentscheidungen, durch deren Einhaltung sich solche Fehler vermeiden lassen. Während fast alle Kinder die von ihren Eltern benützte gesprochene Sprache ziemlich mühelos und vollständig übernehmen, bedarf es zur Erlernung der Schrift und insbesondere der Rechtschreibung großer Mühe und auch einer gewissen Intelligenz. Aus diesem Grund (und auch wegen ihrer zivilisatorischen Bedeutung) hat sich die korrekte Beherrschung der Schrift in den Hochkulturen, die von ihr Gebrauch machten, als Nachweis der persönlichen Bildung und der ihr zugrundeliegenden intellektuellen Bildungsfähigkeit zu einem solchen der Würdigkeit für eine gehobene soziale Stellung entwickelt. Es entstanden Schulen, in denen gleichzeitig mit dem Training dieser (und anderer) Fähigkeiten auch die für eine arbeitsteilige Gesellschaft wichtige Differenzierung der Schüler bezüglich ihrer Leistungen vorgenommen werden konnte. Dabei zeigten sich seit Jahrtausenden immer aufs neue große Unterschiede der individuellen Fähigkeiten.

Dies ist nun der Punkt, an dem die Orthographie ideologisch relevant wird, denn natürliche Begabungsunterschiede widersprechen dem linken Gleichheitsprinzip. Da die sehr unterschiedlichen Schulerfolge und ihre ungleiche statistische Verteilung auf die verschiedenen Schichten der Gesellschaft jedoch nicht zu leugnen waren, wurden die Ursachen dafür im sozialen Milieu gesucht. Dieses führte man seinerseits wiederum auf ungerechte Einkommensunterschiede zurück. Die Behebung des Problems mit Mitteln der Sozialpolitik war jedoch nur zum Teil erfolgreich, denn verschwunden sind die schichtenspezifischen (und erst recht die individuellen) Leistungsunterschiede dadurch keineswegs.

Schließlich wurde nach vielen Enttäuschungen die Phase der versuchten Ursachenbekämpfung durch die der Symptombekämpfung abgelöst. Ähnlich dem Verhalten eines Übergewichtigen, der sich nicht mehr auf die Waage stellen möchte, wurde nun die Orthographie als zu schwierig kritisiert und ihre Vereinfachung gefordert. Eine simple Rechtschreibung, so die dahinter stehende Überlegung, werden ja wohl alle Schüler schaffen, und dann gibt es wenigstens die Illusion der Gleichheit.

er neuen deutschen Rechtschreibung von 1996 lag zwar genau diese Intention zugrunde, die praktische Ausführung jedoch wurde ein ziemlicher Fehlschlag, denn von einer echten Vereinfachung der Orthographie konnte keine Rede sein. Im Gegenteil – bisher hilfreiche Regeln, wie beispielsweise die, daß der Laut [f] in griechischen Fremdwörtern stets mit ph geschrieben wird, gelten nicht mehr. So muß nun bei jedem dieser Wörter separat erlernt werden, ob das bisherige ph erhalten bleibt oder zu f wird. Konnte man früher stets sicher sein, daß am Wortende kein ss steht, so muß jetzt die Frage des ß oder ss erst anhand der Quantität des vorangehenden Vokals geklärt werden. Auch daß nun englische Wörter, die auf -y enden, im Deutschen einen anderen Plural haben als im Englischen, wird noch viel Verwirrung stiften.

Erleichterungen für Kinder und Ungebildete finden sich noch am ehesten dort, wo etymologisch unhaltbare Assoziationen oder Sprechpausen festgeschrieben werden. So glich man etwa das Wort numerieren mit der neuen Schreibweise nummerieren dem Wort Nummer an, von dem es jedoch in Wirklichkeit gar nicht abgeleitet ist. Auch die neuen Abteilungsregeln gehen mit peinlichen Bildungslücken recht schamlos um. Die Trennung des griechisch-stämmigen Wortes Helikopter (mit den Bestandteilen Heliko-pter, wörtlich: Schraub-flügler) als Helikop-ter ist etwa so barbarisch wie es die Abteilung Fran-kreich wäre.

Außerhalb der neuen Rechtschreibung steht eine orthographische Neuerung besonders skurriler Art: das mitten in einem Wort auftretende große Binnen-I. Dieser optische Stilbruch findet unter dem Einfluß des linken Feminismus immer weitere Verbreitung als Kampfmittel gegen das generische Maskulinum. So schreibt man etwa LeserInnen, wenn Leser beiderlei Geschlechts gemeint sind. In analoger Weise sind auch schon andere Buchstaben vorgeschlagen worden (wie etwa in dem Ausdruck einE BehinderteR). Die Aussprache ist verständlicherweise nicht unproblematisch. Allerdings ist mit dieser sehr auffälligen Neuerung auch ein Vorteil verbunden, der von seinen Urhebern wohl nicht beabsichtigt war: Konnte man früher einen Text erst nach der Lektüre als linksradikal einstufen, so genügt heute dafür ein flüchtiger Blick aufs Binnen-I.

Quelle: http://www.wissenbloggt.de/?p=1747